Die Hallen sind geöffnet. Der Projektor brummt erwartungsfroh, die Reihen füllen sich und überall hinter den Kulissen herrscht geschäftiges Treiben. Die Technik prüft und sortiert die 46 Filme, die in Kürze zu sehen sein werden. Die Moderatoren versuchen die angereisten Filmemacher abzupassen, um in kleinen Vorgesprächen neueste Informationen für das Q&A zu erhalten. Im Spotlight prangt der Siegerpokal und wartet auf seine Vergabe. Förderer, Sponsoren und Filmemacher vermischen sich mit den Kurzfilm-Interessierten und versammeln sich um das audiovisuelle Lagerfeuer, das in Kürze gezündet wird. Vereinzelt sollen auch schon Juroren gesichtet worden sein. Das ist ein gutes Zeichen, denn dann kann’s bald losgehen. Feierliche Spannung liegt in der Luft und von irgendwo aus der Ferne hört man Sektgläser klirren.

46 Filme aus 15 verschiedenen Ländern gehen an den Start. Wie immer ist die gesamte Bandbreite filmischen Schaffens zu erleben: 100 Sekünder neben Kurzspielfilm, Animation neben Doku, Experimentalfilm neben Genre, gute Laune neben intensiver Wirklichkeitsaneignung. Geschichte trifft Zukunft, Knallbunt trifft Schwarz/Weiss, Action auf Magie oder period piece auf Echtzeit. Die Wege des Kurzfilms sind eben unergründlich, womit wir bei der grundsätzlichen Motivation der kurz.film.spiele angekommen sind: Am Liebsten spielen wir Filme, die – nach unserem Dafürhalten – für ihr Thema die bestmögliche Ausdrucksform gefunden haben. Kurzfilm ist Spiel und Experiment, Tagesschau und Flying Circus.

600×15‘‘=9000‘‘:60=150:24=6,25bzw19. Versprachlicht: 600 eingereichte Filme mit einer Durchschnittslaufzeit von 15 Minuten ergeben eine Gesamtsichtungsdauer von 9000 Minuten oder 150 Stunden oder 6,25 Tagen Lebenszeit (was ca. 19 Arbeitstagen entspricht, wobei es eigentlich sinnvoller wäre, in Nächten zu reden). Da brennt sich so einiges in die Großhirnrinde ein oder – man möchte gar nicht wissen, was – in das Film-Unterbewusstsein. Jedenfalls wäre das Aushalten der Belastung nicht möglich, wenn das Sichten von Kurzfilmen nicht süchtig machen würde. Kaum hat man einen außergewöhnlich Guten gesehen, ist das fiebrige Verlangen, einen noch Außergewöhnlicheren zu sehen, schon da. Kommt, lasst uns noch einen schauen!

Die größten Fussstapfen in unserer Großhirnrinde haben in diesem Jahr zweifellos die Filme aus Polen hinterlassen. Wenn Märchen- oder Mythenwelten und eine bösartig triste Realität aufeinander prallen, schlägt es Funken, die Brände verursachen können. Ist schön und tut weh, weh in der Seele. Die Qualität der polnischen Kurzfilme ist jetzt keine Überraschung (schließlich hatten wir mit Andrzej Kròls BIRTHDAY bereits einen polnischen Festivalgewinner), doch stand das Filmland Polen bisweilen im Schatten der spanisch(sprachigen) Beiträge. Zum ersten Mal mit drei Beiträgen in der Endrunde vertreten ist – radikal und erfrischend – Österreich.

Für die deutschen Kurzfilme kann man nach wie vor höchstes Niveau attestieren, was auch daran liegt, dass in der Auswahl fürs Endrundenprogramm aus der Breite in die Spitze gearbeitet werden konnte. Das will heißen, dass 2/3 der eingereichten Filme aus unserem Land stammen und wir hier für eine repräsentative Auswahl aus dem Vollen schöpfen konnten. Es stimmt uns richtig froh, auf dem Festival ausstellen zu können, was für großartige Talente in unserem Land auf dem Sprung sind, die Kinolandschaft beträchtlich zu erweitern.

Auffällig und schön anzusehen ist die zunehmende Internationalisierung des Kurzfilms und damit verbunden auch die des Festivals. Als großartige Einzelkämpfer treten auf Argentinien, Australien, Belgien, Irland und Israel. Beste Beispiele für die Internationalisierung sind Länder-Koproduktionen, bestens organisierte Filmbündel, die für Festival-Einreichungen konzipiert sind und eine noch größere Freiheit in der Wahl der filmischen Sujets. Und ganz nebenbei: Mehr Menschen können mehr gute Filme sehen. In diesem Sinne heißen wir Sie nochmal ganz herzlich willkommen und wünschen Ihnen und uns wunderbare kurz.film.spiele 2014!

(Heinz Baumgartner, Festivalleiter)